Trennung von Kirche und Staat

Trennung von Kirche und Staat
Ist die Trennung von Kirche und Staat die Lösung für eine aufgeklärte und säkulare Welt? In verschiedenen Kantonen der Schweiz wurde wiederholt via Volksinitiativen versucht, die Trennung von Staat und Kirche zu erzwingen. Gelungen ist dies nur in den Kantonen Genf und Neuenburg, in allen anderen Kantonen ist der Versuch bis heute an der Urne gescheitert. Basel Stadt konnte einen Teilerfolg erzielen, hier wird das Inkasso der Kirchensteuer nicht vom Staat übernommen. Betrachten wir in andern Ländern, wie weit die Trennung von Kirche und Staat geregelt ist. Diesen Status haben lediglich folgende Staaten in ihrer Verfassung: Frankreich seit 1905, Mexiko seit 1917, Albanien und Portugal seit 1976, Türkei seit 1924, Uruguay seit 1964, Nordzypern seit 1983, Japan seit 1947, Ecuador seit 2008, Aserbaidschan seit 1995, ausserdem noch Südkorea, Kosovo, Kuba, Tschechien und China. Viele westliche Staaten sind zwar nicht nach ihrer Verfassung explizit laizistisch, praktizieren jedoch in unterschiedlichem Ausmass die Trennung von Staat und Religion und so die Neutralität des Staates in religiösen und weltanschaulichen Belangen. In diesem Sinne gelten die meisten Staaten in Afrika, Amerika, Ozeanien und Europa als säkular.
Der Katholizismus akzeptiert seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine relative Laizität des Staates und der weltlichen Sachbereiche, hält aber an seinem geistlichen Absolutheitsanspruch fest. Den evangelischen oder orthodoxen Staatskirchen ist eine Anerkennung des Laizismus eigentlich nicht möglich, sie gelingt nur auf dem theologischen Umweg über den traditionellen „Gehorsam des Christen“ gegenüber jedweder Obrigkeit, also auch der säkular-demokratischen. Die evangelischen Freikirchen haben das Staatskirchentum immer abgelehnt, also aus religiöser Perspektive die Religionsfreiheit gutgeheissen, ebenso die fundamental gläubigen Katholiken, die für sich einen grösseren Freiraum ohne Einmischung des Staates erwarten und daher auch die jüngere Selbstkorrektur der katholischen Position begrüssen.
Frankreich und Portugal sind, ihrem verfassungsrechtlichen Anspruch nach, die einzigen laizistischen Staaten der Europäischen Union. Am 9. Dezember 1905 wurde in Frankreich die sogenannte Loi Combes verabschiedet. Dieses Gesetz zur Trennung von Religion und Staat realisierte in Frankreich das heute noch geltende Prinzip der vollständigen Trennung von Religion und Staat. Das Gesetz galt zwar vor allem der katholischen Kirche, doch wurden aus Gründen der Neutralität in diese Regelung die anderen Konfessionen einbezogen. Allerdings ist in Portugal sowie in beiden elsässischen Départements und dem lothringischen Département Moselle in Frankreich die Umsetzung des Laizismus durch in Konkordaten vereinbarte Rechte der römisch-katholischen Kirche unvollständig.
Überprüfen wir an den drei Beispielen Türkei, Frankreich und USA, wie sich diese Trennung, die in der Verfassung festgeschrieben wurde, im Alltag auswirkt. Wie weit hat hier dank der Trennung eine Säkularisierung stattgefunden? Hat sich diese Rechtsform bewährt für eine konsequente Säkularisierung und werden dadurch die Religionen dahin verwiesen, wo sie hingehören, nämlich in den absolut privaten Raum?
Beginnen wir mit dem Laizismus in Frankreich
Die Auswirkungen des französischen politischen Kampfes von 1905 sind bis heute in der Interpretation des Begriffs Laizismus‘ im Alltagsleben spürbar. Dabei sind zwei Interpretationen zu unterscheiden, eine liberale, die unter Laizismus die institutionelle Trennung von Staat und Kirche versteht, und eine radikale (laicard), für die Laizismus das Verbot jeglicher religiöser Betätigung ausserhalb eines engen, privaten Bereiches bedeutet. Während das liberale Verständnis des Laizismus heute auch bei den christlichen Kirchen akzeptiert wird, gibt es zahlreiche Vertreter der harten Interpretation in den Reihen der politischen Elite bis hin zur Parti communiste français, der Französischen kommunistischen Partei. Der Katholizismus hat den ideologischen Laizismus bis heute nicht anerkannt, da das Papsttum am Vorrang seiner geistlichen Autorität gegenüber der Staats- und Gesellschaftsordnung festhält. Allerdings hat die katholische Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil bewusst auf politische Sonderrechte und Privilegien im Staat verzichtet und vertritt heute nicht mehr das Konzept einer Staatsreligion, die zuletzt (1984) auch in Italien abgeschafft wurde.
Im heutigen französischen Verständnis ist Laizismus zu einem politischen Ideal geworden, das die Grundsätze der Neutralität des Staates gegenüber den Religionen, deren Gleichbehandlung sowie die Glaubensfreiheit zum Ziel hat. Laizismus ist ein Verfassungsprinzip. Religion ist ausschliesslich Privatangelegenheit, woraus folgt, dass Religion nicht nur keine staatliche, sondern auch keine öffentliche Funktion hat. In Anwendung dieses Grundsatzes wurde 1905 das gesamte Kirchenvermögen ohne Entschädigung verstaatlicht, wovon jene Teile, die „dem Kult dienen“, den einzelnen Glaubensgemeinschaften zur Nutzung überlassen werden können. Frankreich erkennt kirchliche Organisationen zwar in ihrer Existenz an, sie erhalten jedoch keine staatlichen Zuschüsse, allerdings existieren steuerliche Begünstigungen. Davon ausgenommen sind das Elsass und das Departement Moselle, die zum Zeitpunkt des Gesetzes von 1905 nicht zu Frankreich gehörten und deren Bewohner sich nach der Rückkehr 1919 gegen die Übernahme der französischen Regelung wehrten. Im Übersee-Département Französisch-Guyana wird das Personal der katholischen Kirche vom Staat bezahlt. Die Anstaltsseelsorge ist ebenfalls vom Verbot der staatlichen Förderung von Religion ausgeschlossen, wobei auf die Verwirklichung der Religionsfreiheit hingewiesen wird (Art. 1 Abs. 2 des Trennungsgesetzes von 1905). Dazu gehört auch die Militärseelsorge, die zunächst auf katholische, protestantische und jüdische Militärgeistliche beschränkt war. 2005 wurde sie durch eine islamische Militärseelsorge ergänzt.
Der Laizismus wird in Frankreich strikt praktiziert. Der Staat sieht es als Aufgabe an, seine Bürger gegen religiöse Praktiken, die der öffentlichen Ordnung oder den Rechten des Einzelnen zuwiderlaufen, zu schützen. In französischen öffentlichen Schulen ist es verboten, Lehrer oder Schüler nach ihrer Religion zu fragen. Jedoch existiert daneben ein fest verankertes, breit gefächertes privates Schulsystem, insbesondere das „enseignement catholique“. Pfarrer können nicht zugleich für öffentliche Unternehmen arbeiten. Frankreich betrachtet die religiösen Auffassungen der Bürger als reine Privatsache, es gibt keine amtlichen Statistiken zur Konfessionszugehörigkeit der Bevölkerung. Dies hat unter anderem zur Folge, dass es in der aktuellen politischen Debatte in Frankreich zu Segregation oder Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt keine verlässlichen Zahlen gibt. Seit 2004 ist es auch untersagt, in Schulen auffällige religiöse Zeichen zu tragen, wie Schleier, Kippa, Kreuze, Turbane (bei Sikhs) oder Ordenstracht. Andererseits übertragen die staatlichen Sender France 2 (TV) sowie France Culture (Radio) sonntägliche Gottesdienste und Andachten.
Der vormalige französische Präsident Nicolas Sarkozy hat in verschiedenen Reden und in seinem Buch „Der Staat und die Religionen“ eine Neubestimmung der französischen Laizität vorgeschlagen, die er offene oder positive Laizität nennt. Damit sollen die Religionen mehr in die öffentliche Verantwortung genommen werden, auch um Fundamentalismus zu verhindern. In der noch offenen Diskussion der auch durch persönliches Verhalten unterstrichenen Neupositionierung wird Sarkozy von laizistischen Verbänden stark kritisiert.
Laizismus in der Türkei
Mehrere andere Staaten nahmen sich das französische Modell zum Vorbild, insbesondere die Türkei unter Atatürk. In der Türkei wird der Laizismus als „Unterordnung der Religionsausübung unter den Staat interpretiert, da die islamischen Imame vom Staat ausgebildet werden und dieser durch das Amt für religiöse Angelegenheiten enge inhaltliche Vorgaben für deren Arbeit macht. Mit den weitreichenden Veränderungen in der Zeit Atatürks wurde der Laizismus zu einer Staatsziel-bestimmung. Der Laizismus als Teil des Kemalismus ist bis heute in der türkischen Verfassung verankert. Zunächst hatte der neue Staat noch massiv antireligiös gewirkt – so wurden Wallfahrten nach Mekka verboten und ein Religionsstudium war von 1933 bis 1948 nicht möglich. Faktisch hat sich der Staat der (sunnitisch-islamischen) Religion bemächtigt und versucht, diese durch die staatliche Religionsbehörde Diyanet zu domestizieren. Mit der Zeit hat sich der Begriff des Laizismus in der Türkei verhärtet. In der Zeit von Atatürk war es noch üblich, ein Kopftuch zu tragen. Später wurde der Laizismus so interpretiert, dass auf staatlicher Ebene solches Sichtbarmachen der Religion nicht gerne gesehen wird. So war es verpönt, sich als Politiker in der Öffentlichkeit zu seiner Religion zu bekennen. Im Februar 2008 hatte das Parlament auf Initiative der AKP per Verfassungsänderung eine Freigabe des Kopftuches für Studentinnen durchgesetzt. Die Änderung wurde vier Monate später vom Verfassungsgericht rückgängig gemacht. Damit waren Frauen, die Kopftücher trugen, zunächst weiterhin von einem Hochschulstudium ausgeschlossen. Im Herbst 2010 hob der oberste Hochschulrat der Türkei das Kopftuchverbot an Universitäten auf. Religiöse Minderheiten der Türkei müssen heute weiterhin mit Repressionen rechnen. Am 14. März 2008 wurde vom Generalstaatsanwalt Abdurrahman Yalçınkaya ein Verbotsverfahren gegen die AKP beantragt. Zur Begründung hiess es, die AKP sei ein „Zentrum anti-laizistischer Aktivitäten“. Das Verfahren wurde vom Verfassungsgericht der Türkei behandelt. Der Generalstaatsanwalt forderte für 71 Personen ein Politikverbot, darunter befanden sich der türkische Präsident Abdullah Gül, der türkische Ministerpräsident und Vorsitzende der AKP Recep Tayyip Erdogan und der ehemalige Parlamentspräsident Bülent Arınç. Im Gericht stimmten zwar sechs der elf Richter für eine Schliessung der AKP, die notwendige Anzahl von sieben Richtern wurde aber knapp nicht erreicht. Die staatliche Finanzförderung für die Partei wurde gestrichen. Die oppositionelle CHP setzt sich in ihrem Programm für einen konsequenten Laizismus ein.
All dies hat sich jüngster Vergangenheit unter Erdogan radikal verändert, die Rückkehr in einen von der Religion dominierten Staat schreitet mit grossen Schritten vorwärts. Politikergattinnen und weibliche Abgeordnete nutzen das Kopftuch erneut als politisches Symbol. Die laizistische, kemalistische Tradition der Türkei ist zweifelsohne gefährdet. Was früher in der Türkei verboten war, ist nun gesellschaftsfähig. Doch die neue religiöse Freiheit bedroht die Freiheit der anderen. Wo liegt am Ende die Grenze? Eine selbstbewusste Klasse hat sich etabliert, sie repräsentiert nun das Land. Das Bild der „neuen Türkei“ ist auch äusserlich gut zu erkennen: an den Kopftüchern. Die „First Lady“ Emine Erdogan trägt es, ebenso die Gattin des Expräsidenten, Hayrünnisa Gül, und auch Sare Davutoglu, die Frau des neuen Ministerpräsidenten. Sie tragen es voller Stolz, fest und kompakt um Kopf und Hals gebunden, sodass kein einziges Haar oder gar ein Dekolleté zu sehen ist. Umfragen zeigen, dass die meisten Türken nichts gegen das Kopftuch haben. Jede Frau soll frei entscheiden dürfen, ob sie eins anzieht oder nicht. Im Klartext heisst das, dass die Religion Privatsache bleiben soll. Doch die regierende AKP hat sie längst nutzbringend politisiert. Lange hatte man sich getarnt, jetzt spricht Recep Tayyip Erdogan sogar ganz offen von einer „religiösen Generation“, die man erziehen müsse. Da wundert es nicht, dass seine Gegner der Meinung sind, er zeige nun sein wahres Gesicht. Sicher keine gute Basis, um das gespaltene Land zu befrieden.
Erdogans immer selbstbewussteres Auftreten verbunden mit der aggressiven Rhetorik schüren die Angst. Viele sehen ihre Freiheit bedroht. Mit Wehmut denken sie an die alte Zeit zurück. Da schien die Trennung von Staat und Religion für immer festgelegt, so wie es das westlich-europäische Erbe von Mustafa Kemal Atatürk vorsah. Es war die Zeit, in der es verboten war, Frauen zu verhüllen und seine religiöse Gesinnung offen zur Schau zu tragen. Eine Zeit, in der es völlig normal war, dass eine Frau - Tansu Çiller - mit westlicher Eleganz und einer Ausbildung in Amerika Ministerpräsidentin werden konnte und damit ein Vorbild für die gesamte islamische Welt. Diese Zeiten scheinen der Vergangenheit anzugehören.
Heute hat sich das Blatt gewendet, und die aktuellen Machthaber geniessen offen ihren Triumph. Welche Grenzen werden sie respektieren? Der Einzug Erdogans in den Präsidentenpalast mitsamt kopftuchtragender Ehefrau wird als späte Genugtuung empfunden. Frühere Erfahrungen mit der Laizität werden als traumatische Demütigungen beschrieben: 1998 durfte sich die Frau des früheren Präsidenten, Hayrünnisa Gül, wegen eines Fotos, auf dem sie mit Kopftuch zu sehen war, nicht an der Universität einschreiben. Sie klagte in der Türkei vergeblich dagegen und zog dann vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.
Ungefähr zur selben Zeit wurde die Frau des neuen Ministerpräsidenten, Sare Davutoglu, damals Medizinstudentin, nicht zu Prüfungen zugelassen. Weil sie ihr Kopftuch nicht abnehmen wollte, wurde sie schliesslich exmatrikuliert. Andere religiös Gesinnte setzten sich Perücken auf, um studieren zu dürfen, während vor den Eingängen Sicherheitskräfte die Einhaltung der Vorschriften kontrollierten, oder sie gingen ins Ausland. Nie wieder dürfen Frauen wegen ihrer Religiosität diskriminiert werden, das hatte die AKP ihren Wählern versprochen. Studentinnen und Schülerinnen dürfen nun ihre Kopftücher aufbehalten, ebenso Anwältinnen und Lehrerinnen. Das hätten die Regierungsgegner ja noch akzeptiert. Doch jetzt fällt eine kemalistische Bastion nach der anderen. Sogar im Parlament sitzen sie nun, die ersten frommen Frauen. Das werten Kemalisten wie der Kolumnist Emin Çölasan als Machtdemonstration des islamisch-konservativen Milieus, wo man nicht davor zurückscheut, die Religion für politische Zwecke zu missbrauchen.
Die Regierung weist das von sich, sie sagt: Die neue Entwicklung sei ein Zeichen wahrer Demokratie, nun würden auch religiöse Freiheiten respektiert. Ministerpräsident Davutoglu betont: „Jetzt erst ist die Türkei auf dem Weg zur Normalität.“ Eine Normalität, vor der sich die Gegner fürchten. Sie fragen: Wohin führt dieser schleichende Prozess, und wo liegt am Ende die Grenze? Die Burka im Parlament und an den Universitäten? Nur noch islamische Schulen? Geschlechtertrennung überall im Land? Wird lautes Lachen von Frauen offiziell für unschicklich erklärt, wie es der stellvertretende Ministerpräsident Bülent Arinç unlängst angeregt hat?
Noch ist es nicht so weit, doch der Argwohn des grossstädtischen Bürgertums, auch der meisten Intellektuellen, ist verständlich. Die Abgeordnete Nur Serter von der oppositionellen republikanischen Volkspartei CHP warnt gar vor einer „religiösen Diktatur“. Sie sagt, die Kopftuchfrage habe Diskussionen um Tugend und Moral entfacht, und jetzt greife man die Lebensmodelle derer an, die frei und selbstbestimmt in einer aufgeklärten und pluralistischen Gesellschaft leben wollten. Zwei Welten prallen aufeinander. Dabei ist ganz klar, welches Frauenbild die AKP-Regierung präferiert, auch bei der Besetzung des neuen Kabinetts: Unter den 25 Mitgliedern gibt es nur eine einzige Frau - die Familienministerin. Sie trägt allerdings kein Kopftuch, was erst einmal überrascht. Immerhin trägt sie den Nachnamen „Islam“.

Die USA

Wenn wir die USA betrachten, müssen wir das Rad zurückdrehen. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, was für Europäer als grosse Gruppe mit als Erste Amerika besiedelten. Was waren ihre Beweggründe, was ihre Erwartungen. In dieser Zeit der Besiedlung herrschte in Europa praktisch eine Nulltoleranz gegenüber Abweichler des Glaubens. Reformierte hatten reformiert zu sein, Katholiken katholisch, für andere Glaubensrichtungen oder gar Sekten war kein Platz, aber es gab sie dennoch. Repression und die Gefahr für Leib und Leben war für diese Abweichler allgegenwärtig.
Bald nach der Thronbesteigung Karls I. (1625) sahen sich die führenden Puritaner Englands dem Druck verstärkter Verfolgung ausgesetzt. Verschiedene Geistliche, denen das Predigen verboten worden war, scharten ihre Gemeinden um sich und folgten den „Pilgern" nach Amerika. Sie gründeten 1630 die Massachusetts-Bai-Kolonie, in den nächsten zehn Jahren folgte ein halbes Dutzend englischer Kolonien von ausgeprägt puritanischem Charakter. Die Puritaner waren jedoch nicht die einzigen Kolonisten, die aus religiösen Beweggründen die Heimat verlassen hatten. Unzufriedenheit mit dem Los der Quäker in England führte William Penn zur Gründung der Kolonie Pennsylvania, Cecil Calvert war bei der Gründung Marylands von der Sorge um das Schicksal englischer Katholiken geleitet. Viele der Kolonisten in Pennsylvania und Nord-Carolina, Mitglieder deutscher und irischer Sekten, begehrten ebenso sehr die grössere religiöse Freiheit Amerikas wie seine besseren wirtschaftlichen Möglichkeiten.
Innerhalb der ersten zehn Jahre trafen fünfundsechzig Prediger in der Kolonie ein, meist Gelehrte und ausgezeichnete Theologen, und aus ihrem tiefen Glauben erwuchs in Massachusetts ein theokratisches Gemeinwesen. Kirche und Staat durchdrangen einander derart, dass das Religiöse dem Weltlichen übergeordnet blieb und es beherrschte. Kirchliche Autoritäten besorgten die Regierungsgeschäfte, in den periodischen Bürgerversammlungen jedoch konnten die Siedler gemeinsame Fragen frei erörtern und so ein gewisses Mass von Erfahrung in der Verwaltung ihrer eigenen Angelegenheiten sammeln. Und obwohl die Kirche die städtische Entwicklung durchaus bestimmend beeinflusste, machte es schon allein das harte Grenzerleben erforderlich, dass die gesamte Bevölkerung sich die Bürgerpflichten teilte und bei den Ratsversammlungen anwesend war. Trotzdem versuchten Geistlichkeit und konservative Laien, die Siedlungen zu Gehorsam und Einheitlichkeit zu zwingen.
              Auch im Rest Europas wurden religiöse Minderheiten verfolgt. Dass die Täufer Gottesdienst-besuch, Kirchenmitgliedschaft und Glaube von jeglichem obrigkeitlichen Zwang befreien wollten und sich weigerten, Kriegsdienst zu leisten und politischen Behörden bedingungslosen Gehorsam zu schwören, führte zu ihrer europaweiten Verfolgung. Am längsten und härtesten traf es das Täufertum in Bern. Hier war es trotz Güterkonfiskationen, lebenlänglichen Haftstrafen, Deportationen und Ausschaffungen lange Zeit nicht gelungen, diese als Ketzer, Rebellen und Scheinheilige bezeichnete religiöse und gesellschaftliche Minderheit auszumerzen. Mitte 1714 griff die Obrigkeit der Aarestadt darum erneut zum Mittel der Galeerenstrafe, um dieses Unkraut in unseren Landen auszuwurzeln. Da dieses Verdikt mit hoher Wahrscheinlichkeit einem Todesurteil auf Raten gleichkam, erreichte es die bezweckte Einschüchterung und Abschreckung der noch im Land befindlichen Täuferinnen und Täufer durchaus. So weckte die Reformation zwar Gelüste nach religiöser Selbstbestimmung, wer diese aber umsetzte, wurde meist verfolgt. Die konfessionelle Spaltung führte in Europa zu mehreren Religionskriegen (u. a. zum Dreissigjährigen Krieg (1618-1648) und zur Verfolgung religiöser Minderheiten in Europa vom 16.  - 18. Jahrhundert und damit zu Flüchtlingsströmen innerhalb des Kontinents, deren Auswirkungen noch heute spürbar sind. So gehen z. B. die Uhrenindustrie und viele Banken in der Schweiz auf französische Religionsflüchtlinge zurück. Während sich die meisten religiösen Dissidenten weitgehend integrieren konnten, schuf die Aufnahme der aus Kursachsen vertriebenen Herrnhutern wegen ihrer religiösen Praktiken schon bald kaum überwindliche Probleme. Da sich die Brüdergemeinde beharrlich dem kirchenregimentlichen Zugriff des Landesherrn entzog, wurde im Jahre 1750 deren Ausweisung verfügt. So wurden zum Beispiel im 16. Jahrhundert Angehörige der Täufer oder anderer religiöser Minderheiten einzig aufgrund leichter Abweichungen in der Glaubensüberzeugung regelrecht davongejagt. Aber auch Querköpfe und sonstige politisch Unangepasste mussten immer wieder das Weite suchen, wurden des Landes verwiesen und meist auf immer verbannt. Wer einer Mehrheit nicht mehr passte, musste gehen, egal, ob er vor Ort geboren oder zugewandert war. Wenn jemand die Obrigkeit störte, ihr zu aufsässig und unbequem wurde, sie kritisierte, musste er sein Bündel packen und das Land verlassen; egal, ob er und seine Familie über Generationen Einheimische waren oder gerade vor Kurzem zugezogen waren.
Betroffen waren nicht nur Täufer, auch Hutterer und Amische aus dem deutschsprachigem Raum, calvinistische Niederländer und Franzosen (Hugenotten), lutherische Salzburger, Mennoniten aus dem Friesland und was sonst noch an Gruppen ausserhalb der offiziellen Staatskirche gab. Ihnen blieb oft nur die Wahl zwischen Anpassung an die Mehrheit oder Auswanderung. Sehr viele machten sich auf den Weg Richtung Amerika. So stellten sie besonders in der ersten Phase der Auswanderung im 17. und 18. Jahrhundert einen bedeutenden Anteil der Auswanderer nach Nordamerika und prägten so die Grundsätze der US-amerikanischen Verfassung. Es lag im ureigensten Interesse der unzähligen kleinen religiösen Gemeinschaften, dass der Staat sich in die Angelegenheiten der Religion nicht einmischt und seinen Bürgern Religionsfreiheit gewährt. Ein starker Staat war nicht gefragt.
Als Folge dieses unterschiedlichen Verständnisses von Religionsfreiheit zwischen Europa und den USA hat die Religion in Europa einen grossen Teil ihres früheren politischen Einflusses eingebüsst, während sie in den USA immer noch eine ausserordentlich wichtige gesellschaftliche Kraft darstellt.

In Nordamerika war der neuenglische Puritanismus eine Hauptquelle der frühen Demokratie. Neuengländer kombinierten christliche Religion und politische Freiheit miteinander. Der Puritanismus war nicht bloss eine religiöse Überzeugung, in verschiedener Hinsicht war es mit den unbedingtesten demokratischen und republikanischen Lehren verbunden. Daraus waren ihm seine gefährlichsten Gegner erwachsen. Die Puritaner, die durch die Regierung ihres Mutterlandes verfolgt und deren strenge Grundsätze täglich verletzt wurden durch das Benehmen der Gesellschaft, in der sie lebten, suchten eine wilde und verlassene Gegend, um dort nach ihrer Weise zu leben und in Freiheit Gott anzubeten. Die Gründer Neuenglands waren glühende Sektierer und übereifrige Neuerer in einem. Der Nestor der Forschung über den amerikanischen Puritanismus, Perry Miller, behauptet in seinem klassischen Werk über den Puritanismus in Neuengland, dass die ersten Neuengländer zwischen der religiösen und der politischen Gemeinschaft nicht klar unterscheiden konnten.
Es wird geschätzt, dass um die Revolutionsepoche wenigstens 75% der amerikanischen Bevölkerung ihre religiöse und moralische Grundlage dem Puritanismus verdankten. Zur Zeit der Revolution war die kongregationale Kirche die grösste und die presbyterianische die zweitgrösste in den amerikanischen Kolonien, beide sind puritanische Kirchen. Ungefähr 80% der während der 1770er Jahre gedruckten politischen Artikel waren Predigten. In Neuengland spielte Religion eine besonders bestimmende Rolle im politischen Leben. In der Menschenrechtserklärung des Staates Massachusetts von 1779 ging man beispielsweise davon aus, dass Frömmigkeit, Religion und Moralität für das Glück des Volkes und das Wohlergehen des Staates wesentlich seien, woraus die Schlussfolgerungen gezogen wurden, dass öffentliche Gottesdienste durchgeführt und finanziert werden müssten und durch den Unterhalt von staatlichen Lehrern für Frömmigkeit, Religion und Moralität zu sorgen sei, gegebenenfalls auch unter Zwang. Allerdings galt auch diese Vorschrift ausdrücklich nur für protestantisch-christliche Lehrer. Bezeichnend ist auch die Tatsache, dass Blasphemie in Bezug auf die christliche Religion vom Staat bestraft wurde; in Massachusetts wurde noch im Jahre 1836 – also einige Jahrzehnte nach der Verabschiedung des Ersten Zusatzes zur US-Verfassung (Verbot der Einschränkung von Meinungs- und Religionsfreiheit), der nach einem verbreiteten Missverständnis eine „Trennungsmauer“ zwischen Staat und Kirche errichtete – ein gewisser Abner Kneeland, dennoch wegen Blasphemie zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren verurteilt.
Der erste Präsident der Vereinigten Staaten, George Washington, bekannte sich in seiner Abschiedsrede zur Wichtigkeit der Religion für die Moral sowie der Moral für die Politik. Die Frage, ob aufgeklärte Individuen eventuell Ausnahmen bilden, liess er auf sich beruhen, für ihn zeigte sowohl die Vernunft als auch die Erfahrung, dass die Moralität einer Nation ohne religiöse Prinzipien nicht bestehen kann. Die erste staatsgründende Verfassung in Nordamerika – vermutlich in der Welt überhaupt – war die fundamental Orders (1639) von Connecticut (einem kongregationalistischen Staat), die nichts anderes darstellte als die Transposition der kongregationalistischen Ekklesiologie (theologische Lehre) in die Politik. Die Idee einer Verfassung repräsentierte eine Entwicklung der christlichen Idee eines Bundes. Ursprünglich stellen Konstitutionen in Amerika Säkularisierungen des biblischen Bundes zwischen Gott und seinem Volk dar. Auch die politischen Gemeinden in Neuengland verstanden sich dezidiert als christlich. Die Magistrate waren oft Pfarrer. Kirche und Staat ergänzten sich in ihrem gemeinsamen Bemühen, den Willen Gottes auszuführen. Nachdem der Puritaner-Pfarrer Thomas Hooker (1586-1647) seine Heimat England verlassen hatte, in der er wegen seiner puritanischen Gesinnung verfolgt worden war, zog er bald auch aus seiner neuen Heimat in der Kolonie Massachusetts aus und gründete Connecticut, den ersten völlig selbstständigen Staat in Amerika. Die Neugründung von Connecticut besass einige demokratische Grundzüge, die hier erstmalig auftraten. Nicht neu allerdings waren die christlichen Einflüsse bei der Staatsgründung. In Hookers Augen war der ganze Auszug nach Amerika religiös motiviert. Bevor er Europa verliess, hielt er eine grosse Abschiedspredigt, in der die biblische Exodusvorstellung deutlich anklang. Hooker schilderte England als ein Land, das so tief in Sünde liege, dass Gott beschlossen habe, selbst auszuziehen. „Gott ist dabei, sein Evangelium einzupacken“, verkündete er. Gott beginnt, seine Noahs zu verschiffen. Und Gott sieht vor, dass Neuengland ein Refugium für seine Noahs und seine Lots, ein Fels und ein Schutz für seine Gerechten sein wird. Das Sendungsbewusstsein ist also nicht im Nachhinein gleichsam als ideologischer Überbau in Amerika entworfen worden, sondern existierte schon vor der Emigration aus Europa. Die früheste staatskonstituierende Verfassung Amerikas trägt dezidiert christliche Züge. Wie es für die Demokratie in Amerika gut zwei Jahrhunderte charakteristisch bleiben sollte, führen die fundamental Orders ihre Existenz auf die göttliche Vorsehung zurück. Sie beginnen mit den Worten: „Da es dem allmächtigen Gott durch die weise Einrichtung seiner göttlichen Vorsehung gefallen hat, die Dinge so zu ordnen und einzurichten, dass wir, die Einwohner von Windsor, Hartford und Wethersfield, wir die Freiheit und Reinheit des Evangeliums unseres Herrn Jesu, zu dem wir uns jetzt bekennen, aufrechterhalten und aufbewahren, sowie auch die Lehre der Kirchen, die gemäss der Wahrheit des genannten Evangeliums unter uns jetzt praktiziert wird. Die Freiheit, die man dabei im Auge hatte, war die Freiheit des Evangeliums. Die Begründung war also nicht nur theologisch, sondern spezifisch christlich. Als biblischen Text für seine Predigt wählte Hooker Deuteronomium 1, 13, wo Jahwe Israel befiehlt: „Bringt für jeden eurer Stämme weise, verständige und erfahrene Männer, damit ich sie als Oberhäupter über euch einsetze. Drei Grundsätze der Predigt werden angegeben. Der erste, der die Volkssouveränität sozusagen „theokratisch“ begründet, lautete: „Die Wahl der öffentlichen Magistrate liegt beim Volk kraft der Zulassung Gottes.“ Die zweite Lehre betonte, dass das Volk sein Wahlprivileg nicht nach seinen Launen, sondern in Übereinstimmung mit dem Willen und Gesetz Gottes auszuüben habe. Zum Schluss wurde eine letzte, theologische Begründung und Ermahnung dargelegt: „Da Gott unser Leben fortgesetzt und es uns in Freiheit gegeben hat, die Herrlichkeit Gottes zu suchen und in Gott und für Gott zu wählen.“ Auf dieser Präambel und Ideen fusste die erste demokratische Staatsgründung.
In der Verfassung von Connecticut ist die Idee der Volkssouveränität im staatlichen Bereich ausdrücklich theologisch begründet. Typisch für solche schriftlichen Gesellschaftsverträge ist der von den ersten Ankömmlingen in Neuengland 1620 vereinbarte „Mayflower Compact“. Die Parallelität mit kirchlichen Verträgen ist auffallend. Zuerst wird Gott als Zeuge angerufen, dann werden die Gründe für eine solche Vereinbarung angegeben. Durch Unterschrift wird schliesslich eine Gemeinschaft gegründet und, statt einer Kirche, eine Regierung gebildet. Die Unterzeichner wollen ein Volk werden, das Gott verherrlicht, die christliche Religion fördert, den König und das Land ehrt sowie Gerechtigkeit, Gleichheit und das Allgemeinwohl hoch schätzt.
In der Präambel Neuengland des aus zwölf Artikeln bestehenden Vertrages wird der gemeinsame Zweck des Bündnisses folgendermassen angegeben: „Das Reich unseres Herrn Jesu Christi zu fördern und die Freiheiten des Evangeliums in Reinheit und Frieden zu geniessen“.
Die Volkssouveränität in der Politik fand ihren Grund im religiösen Bund. Deshalb ist in den ersten Verfassungen und verfassungsähnlichen Dokumenten ausdrücklich und argumentativ von Gott die Rede. Die religiöse Dimension lag nicht nur der Kirche bzw. den Kirchengemeinden zugrunde, sondern nicht weniger dem Staat. Staat und Kirche wurden als zwei unabhängige Sphären zwar voneinander unterschieden, aber beide waren dennoch theologisch begründete Einrichtungen. Der puritanische Staat war keineswegs das Ergebnis einer Säkularisierung, d. h. einer Ablösung von der Religion. „Der Bund war bei den Puritanern die zentrale Affirmation der Teilnahme an den Absichten Gottes, um Ordnung in eine korrupte Welt zu bringen. Dieser Individualismus, der später in säkularisierter Form aus dem theologischen Kontext abstrahiert und verselbstständigt wurde, gründete in der göttlichen Vorsehung. „Das Individuum konnte nur für Ziele frei sein, die zu Gott führen. Schon am Anfang der Geschichte Amerikas war die Idee eines transzendenten Auftrags für die Menschheit lebendig. In der Menschenrechtserklärung von Connecticut (1776) zum Beispiel wird die Vorsehung Gottes als Ursache der Freiheit und Unabhängigkeit des Volkes von Connecticut betrachtet. Daher rührte das Recht, „sich selbst als einen freien, souveränen und unabhängigen Staat zu regieren.“
In seiner Antrittsrede sagte der erste Präsident der USA, „Es lässt sich kein Volk finden, das die unsichtbare Hand Gottes, welche die Angelegenheiten der Menschen führt, mehr anerkennt und verehrt als das Volk der Vereinigten Staaten. Jeder Schritt, mit dem es dem Charakter einer unabhängigen Nation näher gekommen ist, scheint durch ein Zeichen der wirkenden Kraft der Vorsehung gekennzeichnet gewesen zu sein. John Adams, der zweite Präsident der USA, warnte, dass es „Hochverrat gegen die Hoffnungen der Welt“ sei, falls Amerika seinen von Gott gegebenen Auftrag verfehle. Bezüglich der bisherigen Erfolge der Verselbstständigung der Vereinigten Staaten gestand James Madison, der Hauptverfasser der amerikanischen Verfassung, im 37. Artikel des Federalist (Verfassung): „Wer aufrichtig diesen Umstand überdenkt, muss in das Erstaunen einstimmen; für einen religiös gesinnten Menschen ist es unmöglich, darin nicht einen Fingerzeig des Allmächtigen zu erkennen, der so häufig und bedeutsam in kritischen Phasen der Revolution zu unseren Gunsten eingegriffen hat.“ Mit vielen anderen erkannte auch der angesehene Verteidiger der US-Verfassung, Alexander Hamilton, den „Finger Gottes“ in dem revolutionären Geschehen.
Zeugnisse der Wichtigkeit des Vorsehungsglaubens lassen sich leicht vermehren. In Pennsylvania wurde die Verfassungsbestimmung, die von allen Parlamentariern verlangte, die göttliche Inspiriertheit des Alten und Neuen Testamentes anzuerkennen, aufgrund eines Protests der jüdischen Gemeinde von Philadelphia geändert. Das Entgegenkommen der Verfassung von 1790 verlangte von Amtsträgern des Staates nunmehr nur, dass sie sich zum Dasein Gottes sowie zur Existenz eines künftigen Zustands von Belohnung und Strafe bekennen sollten.
Die massgebliche Beteiligung von puritanisch-christlichen Pfarrern bei der amerikanischen freiheitlichen Unabhängigkeitsbewegung, führten zu einer Verfassung die primär auf Glaubensbekenntnisse aufgebaut wurde. Anders als im laizistischen Frankreich war in Nordamerika die christliche Religion, vor allem der neuenglische Puritanismus, eine Hauptquelle der frühen Demokratie. Noch im 19. Jahrhundert vermochte Alexis de Tocqueville diesen Grundzug der amerikanischen Demokratie deutlich festzustellen: „In den englischen Kolonien des Nordens, die meist unter dem Namen der Staaten von Neuengland bekannt sind'', schreibt er, ''formten sich die zwei oder drei Hauptgedanken, die heute die Grundlage der Gesellschaftstheorie der Vereinigten Staaten bilden.“ Er erläutert, wie die Neuengländer christliche Religion und politische Freiheit miteinander kombinierten: „Das Puritanertum war nicht bloss eine religiöse Überzeugung, in verschiedener Hinsicht war es mit den unbedingtesten demokratischen und republikanischen Lehren verbunden.
Dasselbe gilt ihm zufolge auch für den Patriotismus. In der Verfassung des Staates Massachusetts von 1780 heisst es ausdrücklich in Artikel 3: „Das Glück eines Volkes wie auch die gute Ordnung und Erhaltung der bürgerlichen Regierung hängen wesentlich von Frömmigkeit, Religion und Moral ab.“ In einem Brief an Jefferson stellte der Deist John Adams fest: „Die allgemeinen Prinzipien, auf denen die Väter Unabhängigkeit erreicht haben, waren die Prinzipien des Christentums, in dem alle vereinigt waren“. Dies war der erste Bundesschluss der amerikanischen Kolonien, der schliesslich in der Gründung der Vereinigten Staaten kulminierte. Auch in diesem Präzedenzfall wird eine theologische Motivation angegeben. In der Präambel des aus zwölf Artikeln bestehenden Vertrages wird der gemeinsame Zweck des Bündnisses folgendermassen angegeben: „Das Reich unseres Herrn Jesu Christi zu fördern und die Freiheiten des Evangeliums in Reinheit und Frieden zu geniessen“. Die Volkssouveränität in der Politik fand ihren Grund im religiösen Bund. Deshalb ist in den ersten Verfassungen und verfassungsähnlichen Dokumenten ausdrücklich und argumentativ von Gott die Rede. Die religiöse Dimension lag nicht nur der Kirche bzw. den Kirchengemeinden zugrunde, sondern nicht weniger dem Staat. Staat und Kirche wurden als zwei unabhängige Sphären zwar voneinander unterschieden, aber beide waren dennoch theologisch begründete Einrichtungen.
Der puritanische Staat war also keineswegs das Ergebnis einer Säkularisierung, das heisst einer Ablösung von Religion. Die Idee der Trennung von Staat und Kirche gehört nicht zur ursprünglichen Demokratie. Das 'First Amendment', das dem Kongress untersagt, Gesetze bezüglich der Verstaatlichung einer Religion zu erlassen, steht nicht im Widerspruch zu dieser Beobachtung, denn die Trennung auf Bundesebene hatte offenbar nicht den Zweck, Staat und Kirche zu trennen, sondern wurde vollzogen, um die einzelnen Staaten mit ihren Staatskirchen bzw. kirchlichen Präferenzen nicht zu beeinträchtigen. Religion sollte vom Einfluss der Vereinigten Staaten frei sein, weil sie als eine Angelegenheit der einzelnen Staaten galt. Die Trennung von Staat und Kirche ist tatsächlich eine Einrichtung, die in den einzelnen amerikanischen Staaten nur langsam Anerkennung fand. Massachusetts besass bis 1833 eine durch öffentliche Steuern finanzierte Staatskirche.
Die von Jefferson gegründete Universität von Virginia sollte nach seiner Vorstellung ein Curriculum besitzen, das zum einen Moral und den Glauben an die Existenz Gottes fördert und zum anderen keiner Sekte den Vorzug gibt. Religionsunterricht sollte zwar im Lehrplan vorkommen, nicht aber von einem Geistlichen, sondern von einem Ethikprofessor erteilt werden. Er sollte „Beweise für die Existenz Gottes, des höchsten Herrschers des Universums, des Urhebers aller Moralverhältnisse sowie der davon abgeleiteten Gesetze und Verpflichtungen“ und diejenigen moralischen Verpflichtungen lehren, die alle Sekten gemeinsam teilen.
Jefferson war davon überzeugt, dass der Verstand nicht von Religion wegführt, sondern zur Religion gelangen müsste. Diese Belege aus der Geschichte der Demokratie zeigen, wie präsent christliches Denken in der Genese moderner Demokratie war. Es ist kein Fremdkörper. Um die Frage zu beantworten, inwiefern es heute noch wirksam ist, bedarf es allerdings einer subtileren Wahrnehmung.

Fazit: Die Trennung von Staat und Kirche ist keine Gewähr für eine Säkularisierung der Gesellschaft, es kann, wie das Beispiel USA zeigt, sich auch in das Gegenteil kehren. Die USA ist das weitaus religiöseste Land der westlichen Hemisphäre. Siebzig bis hundert Millionen ultrakonservative Evangelikale prägen entscheidend das Bild und die politische Ausrichtung der USA. Diese Erkenntnis heisst nicht, dass nicht weiterhin für eine Trennung von Staat und Kirche votiert werden müsste, aber es muss genau hingeschaut werden, dass die Trennung nicht zu einer Aufwertung der Religionen führen.