Artikel: Unsere christliche Leitkultur

 Unsere christliche Leitkultur

 

Können wir stolz sein auf unsere christliche Leitkultur? Beschenkte uns der Katholizismus wirklich mit Bildung, Forschung, Ethik, Freiheit, Aufklärung und Fortschritt, wie es uns auch heute noch Politiker und angehörige des Klerus immer wieder erzählen? 


Mit Alexander von Makedonien, auch unter dem Namen „der Grosse“ bekannt, begann in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts v.u.Z. der Untergang Griechenlands. Er starb am 1. Juni 323 v.u.Z. vermutlich an einer Säuferleber. Nach seinem Tode stritten seine Generäle und teilten sein Reich in drei Teile. Griechenland leckte seine Wunden und wartete auf Rom. Erst als Rom in drei Kriegen zwischen 264 und 146 v.u.Z. Karthago geschlagen und vernichtet hatte, konnte es sich Griechenland widmen. Rom nahm die Griechen nicht besonders ernst, ausgenommen wenn es um Kultur, Kunst, Architektur, Philosophie und Literatur ging. Hier zeigte sich das Imperium willig, diese zu übernehmen. Der Adel schickte seine Kinder zum Studium nach Athen oder Alexandria. Die Städte Roms wetteiferten um die schönsten Thermen, die grössten Bibliotheken und imitierten ihre Kunst und Skulpturen. Für das Imperium Romanum begann die Blütezeit der Kunst und Bildung. Die Römer bauten Fussbodenheizungen, Tepidarien und Sudatorien (Schwitzräume), Wellness-Oasen wie die berühmte Caracella-Therme. Später, als das Christentum Fuss fasste im Römischen Reich, fand dieses keinen Gefallen an diesen Bädern und Saunen. Diese seien des Teufels und die leibhaftige Hölle liege direkt unter diesen Thermen. Das heisse Wasser sei dasselbe, welches in der Unterwelt die Sünder strafe. Im 4. Jahrhundert gab es alleine in Rom über tausend Bäder. Nur hundert Jahre später unter dem Christentum sind diese Bäder kein Thema mehr. Die Körper wurden über Wochen nicht gewaschen, das ziemte sich nicht für einen Christen. Ebenso verfügte Rom im 4. Jahrhundert noch über achtundzwanzig öffentliche Bibliotheken mit hunderttausenden von Büchern. Der römischen Zivilisation stand eine reiche Bildung zur Seite, nicht nur dem Adel, sondern auch dem gemeinen Volk. So verfügten auch die unteren Schichten über eine weitverbreitete Lese- und Schreibfähigkeit. Auch das sollte mit dem Etablieren des Christentums verschwinden. Das Imperium Romanum war polytheistisch orientiert, es gab unzählige Götter und die Toleranz, wurde grossgeschrieben, jeder konnte glauben, was er wollte.    

Kaiser Julian (reg. 361 – 363) sorgte sich mit der zunehmenden Verbreitung des Christentums um die überlegene griechisch-römische Kultur und Bildung und bekämpfte es aus diesem Grund. Er starb 363, hätte er noch zwanzig Jahre gelebt, gäbe es heute vermutlich kein europäisches Christentum. Aber auch kein Sachsenkrieg, keine Religionskriege und keine Kreuzzüge. Keine Hexenprozesse, keine Inquisition und keine Verfolgung Andersgläubigen.

Im Jahr 380 verordnete Kaiser Theodosius das Christentum zur Staatsreligion und damit die Liquidierung aller anderen Konfessionen. Die Epoche religiöser Toleranz war zu Ende.

Häretiker und Heiden wurden verfolgt, später auch die Juden.

Der Paradigma Wechsel war vollzogen, mit dem Wechsel vom polytheistischen zum monotheistischen Gesellschaftssystems erhielt die Intoleranz eine unkontrollierbare Eigendynamik. Nun folgte eine unendlich lange Zeit der Verfolgung Andersdenkender. Die verhängnisvolle Allianz von Thron und organisierter Kirche gabt dem Christentum die nötige Macht, sich gegen Andersdenkende, Bildung, Toleranz und Offenheit durchzusetzen. Der Priester Ivan Illich (1926 – 2002) ein summa cum laude-Absolvent, äusserte sich vor seinem Tod: „Die Institutionalisierung des Glaubens war der Untergang des ursprünglichen Christentums und die Wurzel von etwas Bösem, das tiefer geht als alles Böse.“

Gleichzeitig veränderte die Staatskirche das Christentum grundlegend. Es bildete sich eine hierarchisch geordnete Kirche mit unten und oben und dem Bild von Schafen und Hirten, damit verbunden Titel, Kleiderordnung, Hochwürden und Exzellenzen. Die weltliche Obrigkeit wird zu einer von Gott persönlich eingesetzten Elite, der unbedingter Gehorsam und Unterwerfung geschuldet wurde.

In der Folge beseitigte der Staat die ideologischen Feinde der Kirche, diese wiederum revanchierte sich mit dem von Gott verliehenen Status des Gottesgnadentum. Mit dem Ergebnis eines im Grossen und Ganzen wohlgefütterten Klerus und erbärmlichen Lebensumständen des Bauerntums.

Nach dem Tod Kaiser Theodosius im Jahre 395 kam es zur intellektuellen und kulturellen Teilung des Reiches in ein weströmisch-lateinisches und ein oströmischen-griechisches. Während im weströmischen Reich der Klerus sich in einem ewigen Streit darüber zerfleischte, wie gross Gottes Macht sei und wie die biblische Wahrheit zu verstehen sei, gingen im griechischsprachigen Byzanz Kaiser und Kirche, Hellenismus und Christentum eine Symbiose ein. Konstantinopel wurde zu einem Zentrum der Wissenschaft, der Dichtung, Philosophie und der Naturwissenschaften, mit gut sortierten Bibliotheken. Ganz im Gegensatz zu dem weströmischen Reich, hier wurde Bildung, Lesen und Schreiben zu einem Gut, das dem Klerus und den Herrschern vorbehalten blieb. Das gemeine Volk wurde in den Sumpf der Gläubigkeit und Unwissenheit gestossen.

Der Islam

Das verhalf dem Islam zu einer unglaublichen Überlegenheit und ein Siegeszug im westlichen Europa auf dem Gebiet der Wissenschaft aller Sparten in einem Ausmass, wie es sich das übrige Europa nicht einmal erträumen konnte.

In den Jahren 753-775 verlegte der Kalif Al-Mansur das Machtzentrum in das Innere des islamischen Reiches, in die Stadt Madinat as-Salem, Stadt des Friedens. Die Einheimischen nannten sie „gottgegebene Stadt; Bagdad“. Die Stadt wuchs rasant auf rund zwei Millionen Einwohner und wurde zugleich zu einem Schmelztiegel der Wissenschaft und Kulturen.

Bereits im Mai des Jahres 710 setzte Taruk Ibn Zijad mit rund 7000 Soldaten an der Meerenge von Gibraltar auf das europäische Festland über. Wenig später trafen westgotische und die inzwischen verstärkten muslimischen Truppen aufeinander. In dieser Schlacht, die auf Seiten der Westgoten von König Roderich angeführt wurde, errangen die Muslime einen beispiellosen Sieg. Sie erobern die Städte: Córdoba, Sevilla, Toledo und Caesaraugusta (Saragossa) und wurden damit zu den Herrschern der iberischen Halbinsel, von da an bekannt unter dem Namen „Al-Andalus“. Die Herrschaft der Muslime dauerte von 711 bis 1492. Córdoba wurde ein führendes kulturelles und wirtschaftliches Zentrum, sowohl des Mittelmeerraums als auch der islamischen Welt. Sie vollbrachten wahre Wunder in den Disziplinen Architektur, Kunst, Kultur, Chemie, Mathematik und Medizin. Medizinische Lehrbücher behielten ihre Gültigkeit noch über viele Jahrhunderte hinweg und wurden später auch im übrigen Europa verwendet und waren erfolgreich bei der Bekämpfung von Krankheiten und Seuchen. Abu Bakr Mohammad Ibn Zakariya al-Razi, ein persischer Universalgelehrter, der im neunten Jahrhundert lebte, unterschied als erster zwischen Pocken und Masern und kannte Gipsverbände zur Heilung von Knochenbrüchen. Sein medizinisches Werk blieb bis zum 17. Jahrhundert unangefochten.

Zeitgleich wurde im restlichen Europa Forschung und Wissenschaft durch den Klerus unterdrückt, Seuchen und Krankheiten wurden mit Gebeten und Bittprozessionen bekämpft. Es wurde nicht nach den Ursachen der Krankheiten gesucht und geforscht, sondern nach Schuldigen. Und Schuldige fanden sich immer schnell, es waren die Frauen und Juden.

Im Gegensatz dazu fand im Islam, ein friedliches Zusammenleben zwischen Muslimen, Christen und Juden statt. Das katholische Europa verfolgte alle Andersgläubigen und versank immer mehr im Sumpf der religiösen Unwissenheit.

Eines der Erfolgsrezepte des Islams dieser Zeit war sicher auch die Toleranz gegenüber Andersgläubigen und Minderheiten. Im christlichen Europa wurde das Gegenteil gelebt, Verfolgung Andersgläubiger, Kreuzzüge, Inquisition und Hexenverfolgung. Unter dem Einfluss des westgotisch-katholischen Regimes wurden besonders auch die Juden verfolgt, im Jahr 616 wird ihnen befohlen, binnen Jahresfrist zum Christentum zu konvertieren. Wer nicht gehorchte, wurde mit 100 Peitschenhieben bestraft und seine Besitztümer eingezogen. Der Gotenkönig Recceswinth um 650 verschärfte das judenfeindliche Edikt und verlangte in seinem Liber Judiciorum die Beseitigung aller Ketzer und Juden. Sie wurden zwangs-christianisiert und die Bischöfe empfahlen dem König, sie den Christen als Sklaven zu überlassen. Zusätzlich sollten den Juden die Kinder weggenommen werden, um sie ab dem siebten Jahr im christlichen Sinn zu erziehen.

Papst Innozenz III. setzte die Kreuzzüge gegen das christliche Byzanz (1204) und gegen die christlichen Katharer (1208) in Gang. Seine Anweisung: Tötet sie alle, Gott kennt die Seinen. Somit wurden nicht nur Juden, Muslime und Heiden verfolgt, sondern auch Christen, die nicht dem gängigen Ideal des konservativen päpstlichen Ideals entsprachen.

Stück um Stück eroberten sie auch das muslimische Spanien zurück. Córdoba 1236, Sevilla 1248 und Granada wurde 1492 an die Christen übergeben. Damit endete die arabische Hochkultur im Westen Europas.

Der Handel

Während Karawanenwege nach dem fernen Osten Gewürze, Seide, edle Hölzer und Luxusartikel aus Indien und China in den arabischen Raum brachten, damit verbunden Menschen unterschiedlichster Sprachen und Religionen einwanderten und das Gebiet zu einer idealen Brutstätte unterschiedlichster Kulturen und Denkarten wurde, versank das katholisch geprägte Europa immer mehr in Armut, Unwissenheit und Bigotterie. Das christliche Europa ersetzte Handel und Wissen durch eine Überbetonung der dogmatischen Glaubensgerüste und einem Versiegen von kreativen Kräften.


Die Schulsysteme


Betrachten wir die Bildung, werden die Unterschiede schnell offenkundig: Das Imperium Romanum war von einem dichten Netz an Grund- und Grammatikschulen durchzogen, wie auch das islamisch-arabische Bildungssystem, das sich jederzeit mit dem römischen hätte messen können. War doch eine der Forderungen des Propheten Bildung zu suchen, wo immer sie zu finden sei (Koran 45.13). So schreiben heutige Historiker, wie beispielsweise H. Wilds, es wäre schwierig gewesen, einen Muslim zu finden, der nicht lesen und schreiben lernte. So gab es alleine in Córdoba über achthundert Schulen.

So etwas suchen wir im christlichen Mitteleuropa dieser Zeit vergeblich. Wohl gab es ein kircheninternes Schulsystem für den klerikalen Nachwuchs, für das gemeine Volk blieb nur eine geistige Öde. Wurde es doch als genügend betrachtet, dass sie beten, zuhören, das Vaterunser und eine Anzahl Psalmen auswendig konnten. Bilder mussten ihnen genügen, den selbst die obligatorischen Gottesdienste wurden in Latein zelebriert und ihr Inhalt blieb den Gläubigen verschlossen. Diese galten als unmündig und ihrer menschlichen Würde beraubt. Bildung war unerwünscht, ja für die Gläubigen verboten, schliesslich war man katholisch und das hatte vollauf zu genügen.

In Mitteleuropa gab es über tausend Jahre kein öffentliches Schulsystem, Bildung fand nur hinter Klostermauern statt und auch da war nur zensuriertes Wissen zugelassen.

Die Klosterschulen waren dem Klosternachwuchs vorbehalten. Kinder die hier Aufnahme fanden, waren in der Regel „Kindesoblation“ eine Art von Opfer, die Klöster kamen zu Nachwuchs und in den Familien war ein Maul weniger zu füttern. Daneben fanden auch Adlige Aufnahme gegen entsprechende Bezahlung. So konnten Nachfolgeregelungen besser gelöst werden, die Überzähligen fanden Aufnahme hinter Klostermauern. Ein bekanntes Beispiel ist die Hildegard von Bingen als das zehnte Kind – der oder das Zehnte für Gott.

Aber auch in ihrer Ausrichtung unterschieden sich die Klosterschulen von den Schulen des Imperium Romanum, dort wurde der freie Geist gefördert, in den Klosterschulen herrschte ein strenges Regime. Es wurde geprägt durch das Schweigegebot, dem Verbot, Fragen zu stellen oder zu debattieren. Wer sich nicht daran hielt, riskierte Schläge oder Peitschenhiebe. Die Klosterschulen waren das bare Gegenteil der philosophischen Schulen Griechenlands und Roms. Auch war das Niveau der Schulen sehr tief. Es beschränkte sich auf die Glaubensunterrichtung, auf die Liturgie und dem Erlernen von Exorzismus- und Bestattungsriten.

Das alles half mit, das christliche Mitteleuropa in eine fast tausend Jahre dauerende kulturelle Finsternis zu führen, mit den dramatischen Folgen einer sozialen und ökonomischen Katastrophe. Wie sollte auch Wohlstand erreicht werden, wenn Handwerker und Kaufleute weder lesen noch schreiben konnten? Diese Zeit war geprägt von einer christlichen Feudalgesellschaft, die sich über den Gehorsam gegenüber Gott, Kirche und Obrigkeit definierte. Freiheit war nicht einmal im Ansatz vorhanden, die Folgen waren ein ökonomischer Absturz bis zu bitterster Armut. Gab es im muslimischen Córdoba eine Bibliothek mit mehr als 400‘000 Büchern, kannte das christliche Europa nichts dergleichen. Soweit es Bücher gab, waren die hinter Klostermauern eingeschlossen und primär religiösen Texten gewidmet und nicht den allgemeinen Wissenschaften. So galten philosophische und wissenschaftliche Werke als des Teufels und Irrlehren, vor deren Einfluss Christen geschützt werden mussten. Galt doch auch Aristoteles als Lügenprophet. Die Meinung, alles benötigte Wissen stehe in der Bibel und es brauche keine weiteren Schriften, war fester Bestandteil des allgemeinen Verständnisses.

Alle Behauptungen, die Klöster seien die Bewahrer antiker Schriften gewesen, sind reine Lügen. So wurde die Meinung gepflegt, das Christentum sei jeder anderen Religion überlegen, weil der christliche Gott, ein der Vernunft zugänglicher Gott sei und es darum keine weiteren Wissensschriften brauche.


Medizin und Forschung im Vergleich


Dass der Islam des frühen und hohen Mittelalters über eine für die damalige Zeit sehr hohe Qualität an medizinischen Kenntnissen verfügte, habe ich eingangs schon einmal erwähnt. Der Mediziner Rhazes sammelte über alle bekannten Krankheiten das zur Verfügung stehende Wissen und schrieb dazu über zweihundert medizinische Werke. So verfasste er auch eine Art medizinisches Lexikon in dreiundzwanzig Bänden die nahezu alle gängigen Begriffe, Beispiele, Behandlungsweisen, medizinische Erfahrungen und Tipps zu einer gesunden Ernährung enthielten. Kollegen von ihm forschten und behandelten Krankheiten wie Pocken, Krätze, Geschwüre und entwickelten dazu eine hohe Arzneimittelkunde. Parallel dazu gab es Krankenhäuser und Apotheken.

Córdoba mit etwa 800‘000 Einwohnern wurde zu einem medizinischen und kulturellen Zentrum mit etwa siebzig öffentlichen Bibliotheken und fünfzig Krankenhäusern. Es gab orale Anästhesie, Behandlungen von Krebs mit der Erkenntnis der Notwendigkeit von Entfernen krankem Gewebes und vieles mehr.

Zur gleichen Zeit zeichnete das christliche Europa ein völlig anderes Bild. Hospitäler aus der Römerzeit wurden zerstört oder zu Kirchen umfunktioniert. Städtische Spitäler und Apotheken waren unbekannt. Medizin gab es nur im Umfeld der Klöster. Ausgenommen einiger Heilkräuter und nutzlosen Eingriffen wie Aderlassen, Handauflegen und Bittgebeten kam es zu keinen, im eigentlichen Sinn, medizinischen Anwendungen. Ausgangspunkt der Erkenntnis zu den Ursachen von Seuchen und Erkrankungen war das Alte Testament. Da die Krankheiten von Gott gesendete Strafen waren, wurde die Heilkunde als eine verwerfliche Tätigkeit betrachtet. Die Diagnosen der damaligen Zeit des christlichkatholischen Europas war, Gott straft und Heilung kann es nur mit Busse und die Anrufung von Heiligen geben. Diese Haltung war verständlich, wurde Krankheit doch als Folge von Sünden gewertet. Weiter gab es zur Heilung nur ein Instrument, der göttliche Wille und als heilende Salbe, das Gebet. Die Folge waren nicht die Erforschung der Krankheiten, sondern das Ausdehnen von Wallfahrten und die Anzahl von Schutzheiligen. Es gab im zwölften Jahrhundert ein leuchtendes Beispiel von Heilkunde und es war erst noch eine Frau. Der Grund lag daran, dass sie aus edlem und sehr vermögendem Hause stammte und sie sich aus diesem Grund mehr erlauben konnte, als andere ihrer Zeit. Wir sprechen über Hildegard von Bingen. Wenn man allerdings ihre gewaltigen Heilerfolge näher betrachtet, verkommt das allermeiste zu Mythen und hat mit einem realen Wirken wenig bis gar nichts zu tun. Sie imponierte vor allem mit Wissen über das Alte Testament und dem Schreiben mehrer medizinischer Werke. Das muss allerdings angezweifelt werden, da sie ihrer Lebtags nie wirklich schreiben und lesen lernte. Da keine Originalhandschriften von ihr bestehen, bleibt das Ganze im Dunstkreis von Erzählung und Fantasie. 

Sie vertrat eine religiös-esoterische Alternativmedizin, die hinsichtlich Diagnose und Therapie Jahrhunderte hinter der arabischen wie auch der griechischen hinterher hinkten und mit Medizin und Heilung kaum etwas, bis gar nichts zu hatte. Darmstörungen mit Wasser trinken zu behandeln, das eine Stunde mit einem Bergkristall an der Sonne stand, mag ja noch angehen, nicht des Kristalls willen, sondern nur des Wassers. Das selbe, als Medizin bei schwachen Augen und Herzbeschwerden zu empfehlen ist reine Scharlatanerie. Insektenstiche und Schlafwandeln mit Achatwasser zu behandeln und den Teufel mit einem in den Mund genommen Diamant zu vertreiben, zeugen nicht gerade von allzu viel Sachkenntnis. Ein Smaragd im Munde helfe bei Grippe oder Malaria und Depressive sollten Heilung suchen mit Aquamarin auflegen und den Körper mit Fenchelwasser einreiben. Als Selbstverständlichkeit bei jeder Krankheit regelmässig Beten und Busse tun, sei zwingend um eine Heilung herbeizuführen. Das sie auch immer wieder betonte, der niedere Stand dürfe sich nicht über den höheren Erheben, schliesslich komme auch niemand auf die Idee Rinder, Esel, Schafe und Ziegen in einem Stall zusammen zu pferchen, hilft auch nicht, sie besonders sympathisch erscheinen zu lassen.

Ende des I. Teils

Fortsetzung folgt

©  Kurt Schmid